Das Haus wurde nach dem letzten Dorfbrand von 1560 auf früheren Fundamenten wieder aufgebaut. Das musste wohl schnell geschehen, um spätestens im Winter wieder ein Dach über dem Kopf und einen Schutz vor Kälte zu haben. Vielleicht wurden zuerst zwei längliche, parallel geführte, barackenähnliche Gebäude in der Höhe von 1-2 Stockwerken erstellt, ähnlich wie im Nachbarhaus.
Im späten 18. Jahrhundert bis 1868 war das Haus zusammen mit dem angebauten Nachbarhaus im Besitz der Familie von Pannerherr und Landammann Josef Anton Fässler (1777-1833). Nach dem Tod seiner dritten Frau Maria Antonia Peterer im Jahre 12. März 1868 kaufte Xaver Stoffel aus St.Gallen am 3. Mai 1868 beide Häuser für 11'000 Franken.
Josef Anton Keller, "Blättlerssef", der Urgrossvater des aktuellen Hausbesitzers Remigius Wagner kaufte das Haus im Jahr 1899 und eröffnete dort die "Konsumhalle". Man kann sich darunter eine Art Markthalle mit reicherem Angebot als üblich und eine frühe Art von Supermarkt vorstellen, wo neben Esswaren, Getränken und Haushaltartikeln noch weitere Produkte, wie Geschirr, einzelne Kleidungsstücke, Kohle und Petrol verkauft wurde. Man nannte die Familie fortan "Konsum Kellers". Josef Anton Keller war nach Auskunft älterer Vorfahren der erste, der eine Lehre absolvieren konnte. Er musste dafür von Montag bis Samstag in einem Textilunternehmen in St. Gallen arbeiten und lernte dort den Handel und die Führung einer transparenten Buchhaltung. Das mochte ein wesentlicher Grund gewesen sein, dass man wenige Jahre später dem jungen Mann Geld für den Kauf eines stattlichen Hauses und die Eröffnung eines grösseren Geschäfts lieh.
Im Jahr 1905 brach im Laden beim Verschweissen von Petrolleitungen ein Brand aus, der dank der schnellen Hilfe von Nachbarschaft und Feuerwehr glimpflich endete. Meine Grosstanten, die das als Kleinkinder erleben mussten, wussten nach Jahrzehnten noch mit Schrecken davon zu erzählen und fürchteten jegliche Art von Feuer, auch Kerzen und meine Einkäufe von August-Feuerwerk. Und wenn ein Gewitter aufzog, versammelte man sich betend um einen Tisch in der Hoffnung, vor Blitzschlag verschont zu bleiben.
Im Wohnbereich des Hauses wurden einzelne Räume als Warenlager, als Wohnraum für die Eltern mit ihren fünf Töchtern und temporär auch als Gästezimmer oder Einlieger-Mietwohnung für ein Ehepaar genutzt. Das Treppenhaus war grosszügig und offen gestaltet, sodass man sich dort oft begegnete.
In den 60er Jahren ergänzte die Familie das Sortiment der Konsumhalle mit Reformprodukten, wie z.B. biologische Früchte, Vollwertkost, naturbelassene Esswaren wie das Bircher-Müesli, Frischpflanzensäfte und Naturheilmittel u.a. von Dr. Bircher-Benner und Dr. Vogel. Derlei Esswaren bereits in den fünfziger- und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts zu verkaufen, wo in anderen Geschäften dank der neuesten Düngemittel und Insektizide endlich schönes, grosses Gemüse oder Obst erhältlich war, statt kleine, schrumpflige, mit kleinen Flecken besetzte Produkte, sorgte im Dorf auch für etwas Spott. Doch die Pioniere der damaligen Reformbewegung waren im Haus hoch angesehen und wurden fast mit religiösem Eifer verteidigt. Der Kräuter-Pfarrer Johann Künzle soll hier auch zu Gast gewesen sein, vermutlich in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts.
Alle Töchter von Josef Anton Keller schienen auch gerne die Welt zu entdecken. Sie reisten bereits in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg mehrere Monate nach England, Spanien, Italien, Portugal oder Belgien, um die dortige Sprache zu lernen und als Volontärinnen Familien und deren Betriebe kennen zu lernen. Zwei Schwestern blieben gar mehrere Jahre an einem Ort, eine von ihnen in mehreren Staaten der USA. Deren Sprachkenntnisse führten zu wertvollen Kontakten rund um die Welt und gelegentlich auch dazu, dass Behörden oder Hoteliers Ausländer ins Haus Marwies brachten, weil niemand sonst deren Sprache sprechen konnte.
Meine Vorfahren ermöglichten auch Seelsorgern aus Europäischen Ländern ein paar Wochen Gratis-Ferien im Haus, um sich von ihrer anspruchsvollen Arbeit als Seelsorger während und nach dem Zweiten Weltkrieg erholen zu können. Später wurden auch Priester aus Asien und Afrika für Gratis-Ferien eingeladen. Vor gut achtzig Jahren war es im Dorf noch recht aussergewöhnlich, wenn ein schwarzhäutiger Afrikaner oder ein Inder in der Kirche die Messe las. Es blieben über Jahrzehnte hinweg freundschaftliche Verbindungen zu Familien oder Pfarreien in fernen Ländern und Kontinenten.
Zwei Töchter von Josef Anton Keller waren begeisterte Bergsteigerinnen und Skitourenläuferinnen. Sie tauften das gelbe Haus "Marwies" nach einem Berg im Alpstein. Dieser eher unscheinbar wirkende Berg schien für sie etwas Besonderes zu sein, denn auch meine Grosseltern verlobten sich dort.
Über hundert Jahre wurde das Haus von Frauen geprägt, die sowohl im Haushalt als auch im Geschäft das Leben prägten und in manchen Bereichen Pionierinnen waren, sei es im Bergsport, in der gesunden Ernährung der damaligen Reformbewegung, im kulterellen Engagement oder auch politisch. Alice (im folgenden Bild ganz rechts), die jüngste Tochter von Josef Anton Keller und wohl längste Bewohnerin im Haus Marwies engagierte sich vermutlich am vielfältigsten unter ihren Schwestern: Sie war Mitglied und langjährige Präsidentin des katholischen Frauenturnvereins und des Kneipp-Vereins. Man traf sie oft an Mitgliederversammlungen und an vielen kulturellen Anlässen bei der GfI (Gruppe für Innerrhoden). Im Historischen Verein diente sie jahrelang als Aktuarin, als Fremdenführerin durchs Dorf und damals irgendwie auch als Kuratorin des Museums im Rathaus und im Haus nebenan. Im Vergleich zu ihren Schwestern hielt sie sich beruflich und privat besonders oft und lange in verschiedenen Ländern Europas und teilweise auch der übrigen Welt auf.
Als es deutlich wurde, dass der Nachkomme lieber im Kollegium Appenzell weiter zur Schule geht, statt die Konsumhalle zu übernehmen, gingen Marie und Berta, die letzten zwei Betreiberinnen des Geschäfts mit 70 Jahren in Rente. In den 80er Jahren wurde das Geschäftslokal zuerst als Lebensmittelgeschäft an Frau Nöthiger vermietet, später an die Töpferin Theresia Romer. Frau Romer fiel politisch eine besondere Rolle zu: Da an der Landsgemeinde 1990 das Frauenstimmrecht in unserem Kanton erneut abgelehnt wurde legten sie und ihre St.Galler Anwältin Hannelore Fuchs beim Bundesgericht Beschwerde ein und erwirkten mit weiteren Personen die Einführung des Frauenstimmrechts auf dem Rechtsweg. Die leidige Geschichte Frauenstimmrecht in Appenzell ging als kuriose und konsternierende Mitteilung um die ganze Welt und ist bei vielen noch mit Ärger oder Scham verbunden. Dass in unserem Haus nach einem gezielten Steinwurf die Schaufensterscheibe des Töpferladens ersetzt werden musste, ist vermutlich nur eine von vielen Ausdrucksformen der damaligen Emotionen. Frau Rohner zog es vor, den Kanton zu verlassen.
Von 1997 bis 2020 war dort der Bücherladen, wieder wie die vielen Jahrzehnte zuvor von Frauen geleitet. Neben der Beratung und dem Verkauf von Büchern organisierten die Frauen im Geschäftslokal, dem darunter liegenden Gewölbekeller und im ganzen Dorf regelmässig kulturelle Angebote. Inzwischen haben sie ein schöneres Lokal an der Hauptgasse gefunden. Seit 2021 ist in unserem Haus das Geschäft evagrœn vorübergehend als Pop-up-store drin, bis der Umbau in den unteren Geschossen weiter geht. Auch hier werden mit viel Herzblut und Geschmack nachhaltige Produkte ausgewählt und verkauft.
Der Wohnbereich des gelben Hauses ist in den letzten Jahren im alten historischen Charme restauriert und den heutigen Anforderungen von Komfort, Brandschutz, Schalldämmung und Wärme-Isolation angepasst worden.
Während zehn Jahren bis ins Jahr 2025 wurden Zimmer an Feriengäste vermietet. Menschen aus vielen Ländern rund um die Welt waren hier zu Gast. Das knüpfte wieder an die Zeit vor rund achtzig Jahren an. Seit 2026 steht das Haus gänzlich für eine Hausgemeinschaft von 4-7 Personen offen. Menschen aus Appenzell, aus der Schweiz und aus der ganzen Welt finden hier eine Wohnung oder ein WG-Zimmer und einen Hauch von Grossfamilie wie vor hundert Jahren, aber in einer heutigen Kultur des Zusammenlebens.
Autor: Remigius Wagner, 28.2.2025
Quellen:
- Chronik der Appenzell I. Rh. Liegenschaften von Jakob Signer, Haus Kataster Nr. 250/202, erschienen in Appenzeller Geschichtsblätter, Jahrgang 3, Nummer 21, November 1941 https://9050appenzell.ch/geschichtsblaetter/
- Offener Brief an den Landammann, erschienen in Saiten, von Hans Fässler, 09.04.2021 https://www.saiten.ch/offener-brief-an-den-landammann
- Nachruf auf Alice Keller (1918-1997), von Bruder Ephrem Bucher. https://www.e-periodica.ch/digbib/view?pid=igf-001%3A1997%3A38%3A%3A249